Gertrud Höhler, Professorin für Allgemeine Literaturwissenschaft und Germanistikan an der Universität Paderborn, hat kürzlich ein anregendes Essay zum Thema Kreativität publiziert. Sie schreibt: “Kreative Menschen verfügen über Wissen und Erfahrung in besonders effizienter Weise: Sie wählen elastisch zwischen wichtigen und unwichtigen Erfahrungsbeständen aus. Sie verfügen so über Erfahrungen, die zur eben erlebten Situation am besten passen.

‘Fluency’ wie die amerikanische Forschung die besondere Elastizität des kreativen Ideenflusses nennt, fluency kennzeichnet auch das Denken solcher Menschen. Ihre Art der Ideenkombination ist für die Umwelt unerwartet, normfern, originell. Entlegenes wird vom kreativen Kopf gruppiert mit dem Erfolg, daß neue Einsichten entstehen, neue Wege sich öffnen. Zielstrebiger als andere ordnet er die Bestandteile seines Wissens. Der Kreative und seine Erfolge sind von der Umwelt, in der sie gefördert oder bedrängt werden, nicht zu trennen.

Niemand reagiert so sensibel auf die Umwelt und ihre Bedingungen wie der schöpferische Mensch. Es scheint, als habe er ein besonderes Gespür für Lücken in unserem Wissen, für Mängel in Organisation und Sinngehalt des Lebens, für Fehler, Dissonanzen und Ungereimtheiten, wo niemand außer ihm sie bemerkt. Sein Ideenfluß entspringt an solchen Elementen der Störung, der Unvollkommenheit; er prüft Hypothesen, vergleicht Entwürfe zur Lösung der Schwierigkeit, experimentiert spielerisch und unabhängig von jedem Kommentar. Er probiert, vergleicht und ordnet neu mit einer Beharrlichkeit, die nicht nachläßt, bis er am Ziel ist.”

Man wünscht sich, Unternehmen könnten auch dergestalt kreativ sein. Die Welt wäre eine bessere. Unternehmen würden nicht länger sich dumpf und starrsinnig nur an Umsatz und Ausstoss orientieren, sondern sich ihrer universellen Verantwortung stellen, elementarer Bestandteil eines sensiblen Gesamtsystems zu sein. Kreative Unternehmen pflegten zudem eine sehr differenzierte Wertebetrachtung und würden in einem dynamischen Wechselspiel mit ihrer Umwelt nachaltige Werte schaffen.

Von diesem Ideal sind wir heute aber noch weit entfernt. Das Problem liegt hierbei in den theoretischen Grundlagen, an den sich die Unternehmen orientieren. Die klassische Wirtschaftstheorie ist ein Kreativitätsblocker, da sie nichts gelten lässt, was weiche Werte sind, Werte wie Erfahrung, Erkenntnis und Einsicht: Sinn-Werte, die sich nicht in Zahlen bilanzieren lassen.

Fragten wir also einen Ökonomen, was Wertschöpfung sei, so würde er uns folgendes Bild aufskizzieren:

Lineare Wertschöpfung

Gemäss dem klassischen Verständnis der Wirtschaftstheorie nämlich ist Wertschöpfung ein linearer, mechanistisch ablaufender One Way Prozess. Die klassische Wirtschaftstheorie geht von den “Produktionsfaktoren” aus. Diese werden mittels betrieblicher Abläufe zu Produkten oder Dienstleistungen “verarbeitet”. Der Abverkauf dieser Produkte - genauer: Das für die Transaktion erhaltene Geld - geht dann letztlich als eigentliche Wertschöpfung in die Bücher ein.

Die klassische Wirtschaftstheorie ignoriert bis heute, dass die Value Chain von wissensbasierten Unternehmen bereits vor dem eigentlichen Produktionsprozess beginnt, nämlich im kreativen Momentum der Problemsuche, der Ideenfindung und Lösungsgestaltung - in einer Art Discovery Phase. Demnach ist das traditionelle Accountingmodell der Tatsache gegenüber blind, dass während eines materiellen Herstellungsprozesses Menschen mitarbeiten und mitdenken und dass Menschen, die arbeiten, “wertvolle” Erfahrungen machen, die wiederum für das Unternehmen “werthaltig” sind und damit ein für die Zukunft hohes Innovations- und Wertschöpfungspotenzial besitzen.

Würden wir einen guten Unternehmer fragen, was der Vorteil älterer Mitarbeiter sei, so würde er uns mit Gewissheit antworten: „Ältere Mitarbeiter besitzen wichtige Werte: Arbeitserfahrung, betriebsspezifisches Wissen, Urteilsfähigkeit und Qualitätsbewusstsein.” Aber weil dieser gute Unternehmer die Restriktion besitzt, diese Werte nicht in seiner Erfolgsrechnung ausweisen zu können, wird er diese auch nicht in seinem Unternehmen kultivieren können.

Doppelte Wertschöpfung

Das ISG Institut will gemeinsam mit Partnern den starren Wertschöpfungs-Fokus von heute aufbrechen und erweitern, in dem wir die im materiellen Wertschöpfungsprozess generierten immateriellen Werte darstellen. So legen wir nicht nur die Basis für kreative Unternehmensprozesse, sondern bieten mittels dieses Blue Print von Unternehmen den zentralen Faktor in der Beurteilung von Unternehmenschancen und -risiken und damit auch den wichtigsten Indikator in der Nachaltigkeitsbeurteilung von Firmen.

Richard Stone wurde vor 23 Jahren für seine bahnbrechenden Leistungen in der Entwicklung von volkswirtschaftlichen Gesamtrechnungssystemen mit dem Nobelpreis geehrt. Anlässlich dieser Ehrung hat er seine Gedanken am 8. Dezember 1984 in The Accontants of Society dargestellt. In dieser Schrift erläutert er, wie von der Erfahrung ausgehend die Fakten erhoben und mit geeigneten Theorien Modelle geschaffen werden, die wiederum die Politik und die (Entwicklungs-)Pläne beeinflussen. Das Zusammenspiel zeigt er in seinem folgenden Bild.

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Auf die Arbeit von Richard Stone möchten wir an dieser Stelle nicht weiter eintreten. Gerne verwenden wir jedoch seine grafische Illustration, um in einer Adaption deren unsere eigenen Anliegen besser zu erläutern:

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1. Das ISG Institut geht wie Stone von der Erfahrung (Experience, blau) aus. Wir haben erkannt, dass Führungskräfte nicht in der Lage sind, die Ressourcenpotenziale ihrer Mitarbeiter und die subjektiven Nutzenpräferenzen ihrer Kunden und Stakeholder zu erfassen und abzubilden. Das heisst mit anderen Worten, dass mit den aktuellen betriebswirtschaftlichen Instrumenten die wichtigsten Leistungs- und Werttreiber unserer wissensbasierten Ökonomie nicht gesteuert werden können und deshalb wichtige Potenziale qualitativen Wachstums unausgeschöpft bleiben.
2. Das ISG Institut will diesen Systemfehler der Ökonomischen Theorie beheben. Unser Motor ist es, die Utopie einer neuen Wirtschaftslehre, die nicht mehr am Menschen vorbei misst, Realität werden zu lassen. Dazu haben wir die alten Fakten (Facts, blau) um die neuen, nicht finanziellen Ressourcen ergänzt und parallel dazu die theoretischen Grundlagen (Theories, blau) so erweitert, dass wir die alten Modelle (Model, grün) mit ihren “linearen” Metriksystemen verbessern konnten.

Das klingt alles sehr theoretisch und abstrakt, aber bietet dennoch einen handfesten Nutzen, weil die wesentlichsten Elemente im Entscheidungsprozess plötzlich wieder berücksichtigt werden können. Oder fänden Sie es besonders praktisch, in Zürich einen Parkplatz zu suchen mit einer Stadtkarte aus dem Jahr 1783 in der Hand? Nein? Eben, wir auch nicht.

Was für Talente haben Sie in Ihrer Organisation - und wissen es nicht? Hier das Beispiel von Paul Potts, einem Verkäufer von Mobil-Telefonen ohne Selbstvertrauen. Jetzt hat man ihm in der britischen Castingshow “Britain’s Got Talent” die Chance seines Lebens gegeben. Sehen und hören Sie selber, welche Grösse hinter seiner Bescheidenheit verborgen lag, welche Kraft, Leidenschaft und Imposanz, welches immense Potenzial dieser schüchterne Mensch plötzlich der Welt offenbarte.

Wie viele “Paul Potts” mit ungenutzten Fähigkeiten habe Sie in Ihrer Firma? Menschen, die in keinem Organigramm auftauchen und deren Leistungskraft nicht erkannt wird, weil diese stets auf ein paar wenige, finanzielle Kennzahlen reduziert wird?

Wenn Sie wissen wollen, was Ihre Mitarbeiter können und vermögen, gibt es nur eine Lösung: Legen Sie Ihre Financial Reports bei Seite und fragen Sie sie. Hören Sie ihren Antworten gut zu. Gehen Sie auf Ihre Mitarbeiter ein und kooperieren Sie mit ihnen. Wer sich schon einmal vertieft mit dem Thema Innovation beschäftigt hat, weiss, dass nachhaltig erfolgreiche Innovationen ihren Ursprung stets “ganz unten” bei den Menschen hatten - und selten auf der Chefetage oder im Studium des Bilanzbildes.

Weitere Informationen über ”Paul Potts” finden Sie auf youtube.com oder auf seiner Website.

Von Oliver Fiechter

Individuen verhalten sich weit weniger rational, als es ihnen orthodoxe Ökonomen unterstellen. Auch die globale Banken- und Kreditkrise ist eine Folge geschickter Manipulation unaufgeklärter Anleger: Die Makler rund um den Globus, die wissentlich mit wertlosen Papieren handelten, haben die Irrationalität des Menschen ausgebeutet.

In der Wirtschaft ist nichts absolut. Alles ist subjektiv und emotional geprägt: Eine Produktivkraft erbringt lediglich die Leistung, die sie als angebracht empfindet. Ein Anleger bezahlt den Preis für ein Wertpapier nur dann, wenn er diesen als angemessen bewertet. Die Qualität der Wahrnehmung und die irrationalen Aspekte sind für Märkte die eigentlichen Triebfedern. Die moderne Verhaltensforschung beweist, dass Individuen nicht nur manchmal unlogisch und unkalkuliert handeln, sondern auch, dass sie dies regelmäßig und planmäßig tun.

Tatsächlich ist die Irrationalität keine Neuigkeit für die Berufsökonomen. Diese wissen längst, dass die Märkte kein Feld sind, auf dem rational handelnde Individuen miteinander vernünftige und nachhaltige Geschäfte tätigen, sondern eher eine Art Goldrausch, der den Menschen die Sinne benebelt und den Verstand raubt. Die Wirtschaft instrumentalisiert den Menschen auf seiner Suche nach sozio-emotionalen Prestigewerten. Und die Wirtschaftstheorie unternimmt alles, damit sich die Menschen dessen nicht bewusst werden.

Unmündige Konsumenten steigern Markteffizienz

Aus diesem Grund wird die Relevanz der Irrationalität, der Emotion in der Ökonomie nicht nur runtergespielt, sondern gänzlich missachtet. Deshalb werden ausschliesslich rationale Erklärungsmodelle herangezogen, die dem Menschen vorgaukeln, in der Wirtschaft sei alles sachlich begründet und wirtschaftliches Verhalten rein profitorientiert. Diese Modelle haben die Aufgabe, die Qualität wirtschaftlicher Leistung auf die Quantität des Geldgewinnes zu reduzieren, um so geschickt darüber hinwegzutäuschen, dass es hauptsächlich emotionale Motive sind, welche die wirtschaftliche Wertschöpfung - sowohl unmittelbar als auch nachhaltig - beeinflussen.

Die aktuelle Wirtschaftstheorie will den Menschen weis machen, dass in der Wirtschaft nur zum Zweck der Nutzenmaximierung gehandelt wird und dass dies immer aufgrund vollständiger Kenntnis der Entscheidungsmöglichkeiten geschieht. Die Wirtschaftstheorie blendet die Emotion vollends aus und bildet die Dinge nicht so ab, wie sie sind, sondern so, wie sie vor allem die Finanzindustrie gerne hätte. Die Erkenntnis der grossen Zusammenhänge in der Wirtschaft schadet der Effizienz der Märkte. Die Marktteilnehmer sollen nicht lernen, mündig zwischen Wert und Unwert zu unterscheiden. Die Hypothekarkrise in den USA wird nicht das letzte Beispiel sein, das uns diesen Sachverhalt eindrücklich vor Augen führen wird.

Von Oliver Fiechter

Die UK-Rockband Radiohead geht bei der Vermarktung ihrer Musik neue Wege. Das neue Album “In Rainbow” ist nur als Download auf der Website der Band erhältlich. Das Besondere: Der Fan bestimmt selbst, wie viel ihm der Download der zehn neuen Tracks wert ist. Radiohead wagen damit ein Experiment, zu dem sich die Musikindustrie bisher nicht hat durchringen können: ein alternatives Angebot zur überall im Netz gratis erhältlichen Musik zu machen.

10 Millionen Dollar Reingewinn

Der Mut hat sich bereits bezahlt gemacht. Journalisten und Blogger rund um die Welt wollen recherchiert haben, Radiohead hätten schon in der ersten Woche rund zehn Millionen US-Dollar aus rund einer Million verkaufter Alben eingenommen. Reingewinn selbstverständlich, wurde festgestellt, denn ihre Einnahmen müssten die Musiker mit keinem Plattenlabel teilen. Sogar die Zahlenspalter von Harvard Business Online haben sich dem Thema angenommen und der Band einen Lead-Artikel gewidmet, der die Rentabilität der Schenkaktion analysiert.

Es erstaunt nicht, dass die Aktion von Radiohead nur aus der Perspektive des Geldes heraus beurteilt wird. Unsere Gesellschaft ist es gewohnt, Geld als zentralen Leistungsbewertungsmassstab anzusetzen und die Qualität einer Tätigkeit mit der Höhe des daraus erzielten Geldgewinnes gleichzustellen. Das ökonomische Verständnis von Wirtschaftlichkeit ist sehr eng definiert: Bringt etwas einen Geldgewinn oder nicht, ist dabei stets die Gretchenfrage.

Gegen die Diktatur des Geldes

Grundlegender betrachtet, ist das Projekt von Radiohead aber weit mehr als eine reine Alternativstrategie der Markt- und Kundenbearbeitung mit dem ausschliesslichen Ziel der Gewinnoptimierung. Radiohead haben mit ihrer Guerilla-Operation gegen die Musikindustrie gegen die Diktatur des Geldes interveniert. Sie haben es intuitiv verstanden, dass in der Kunst Wert und Geschmack unmittelbar aneinander gekoppelt sind. In der Kunst zählen objektive Messgrössen nichts, subjektive Wertmasstäbe treten in den Vordergrund.

Radiohead haben begriffen, dass Werte relativ sind und emotional bestimmt werden. Bei Radiohead wird so der simple CD-Kauf zum menschlichen Akt persönlicher Wertschätzung und zur Gewissensfrage, zum Experiment qualitativer Sozialforschung. Radiohead feiert mit seiner Aktion den Sieg des Gehaltes über die Form. Des Wertes über den Preis. Einstein sagte einst: „Sämtliche große Wissenschaftstaten basieren auf der Intuition, nämlich der Axiome, aus denen alsdann induktiv geschlossen wird.“ So bleibt die Hoffnung, dass die Aktion von Radiohead auch die Ökonomen alsdann dazu inspiriert, ihre engumgrenzten Theorien von Wirtschaftlichkeit um den Faktor Mensch zu erweitern.

Von Oliver Fiechter

Schwarze Schafe und Verschwörungstheorien von rechts, Geheimpläne aus der Mitte, linke Ausschreitungen in Lausanne und Bern. Nie zuvor wurden die Schweizer Wahlen emotionaler geführt als 2007. Sachliche Themenpolitik war gestern. Heute regiert die Polemik.

Im Schweizer Polit-Orchester gibt die SVP den Takt an. Nach der SVP-Pfeife tanzten an diesen Wahlen aber nicht nur die Wähler. Auch die anderen Schweizer Parteien sind der SVP-Einladung zum Dirty Dancing gefolgt. Im Trommelwirbel der Wahlschlacht 2007 hat die gesamte Schweiz ihre politische Jungfräulichkeit verloren.

Zottel überschreitet Röstigraben

Nun sind die Wahlen vorbei. Die Ernüchterung setzt ein und das Land seufzt: Was ist nur passiert? Wie weit ist es mit der Politik und der politischen Kultur in unserem Land nur gekommen? Verdutzte Gesichter allerorts. Nur die SVP reibt sich die Hände und lässt die Korken knallen. Seit Jahrzehnten steigert sie von Wahl zu Wahl ihren Wähleranteil kontinuierlich. Unerschrocken vor Tabubrüchen schreitet sie voran. Auf dem Rücken von Zottel hat sie erstmals gar den Röstigraben überschritten und mit Genf nun auch eine traditionelle SP-Hochburg erobert. Aus der Volkspartei wird immer mehr die Partei des Volkes.

Wie erklärt sich dieser Erfolg? Haben sich die Menschen in unserem Land in den letzten 20 Jahren verändert? Wollen Herr und Frau Schweizer von ihren einstigen Grundwerten wie Dialog, Toleranz und Integration verschiedener Kulturen nichts mehr wissen? Die Antwort lautet: Nein! Die SVP hat die Schweiz einmal mehr auf dem linken Bein erwischt. Contre-coeur wird die Schweiz nach rechts gedrängt.

Nepper, Schlepper, Bauernfänger

Die einstige Bauernpartei mit Bauernschläue entwickelte sich zur strategischsten Polit-Marketing-Macht der Eidgenossenschaft. Als erste Schweizer Partei hat sie einen weltweiten Trend für sich erkannt und finanzstark umgesetzt: Stimmenfangen durch Gehör verschaffen. In perfekter PR-Manier inszeniert sich die SVP seit Jahren medienwirksam. Auch ihre Wahlpropaganda 2007 war wie aus dem Lehrbuch sorgfältigst geplant. Nach allen Regeln des integrierten Kommunikationsmanagements wurden die Botschaften inhaltlich, zeitlich und formal fein aufeinander abgestimmt, um deren Effekte zu erhöhen.

Die SVP besetzt mit ihrem Politstil das Feld der Emotion, nicht der Vernunft. Die politische Durchdringung der SVP fusst auf der geschickten Inszenierung von Trendthemen und dem gezielten Schüren von Emotion. Die SVP dechiffriert gekonnt politisch-abstrakten Bedeutungsgehalt auf ein volkstümliches Niveau. Sie reduziert komplexe Sachverhalte und bricht diese auf eine publikumswirksame Stufe runter. Das schafft Vertrauen und damit Nähe zum Souverän.

“Sei vertraut, unterscheide dich”

Die SVP ist in wenigen Jahren zu einer der stärksten Schweizer Marken geworden. Zum Ricola der Politik. Mit Blocher, Mörgeli, Maurer & Co. beschäftigt die Schweizer SVP einige der kompetentesten Brand-Manager unseres Landes. Diese Herren wissen genau, dass eine Marke ein klare Positionierung braucht und in einfachen entweder-oder-Kategorien geführt werden muss, will sie vom Konsumenten resp. Wähler intuitiv verstanden werden. Die SVP-Manager wissen auch, dass in politischen Märkten, die von Verdrängungswettbewerb gekennzeichnet sind, eine stark differenzierte, emotional aufgeladene Marke der Erfolgsgarant für die Zukunft ist.

Nur ist die Politik nicht die Wirtschaft. Der Bürger ist kein Konsument. Parteien vertreten die mannigfachen Interessen eines ganzen Landes und nicht die eigenen. Politische Zielsysteme gehen mit wirtschaftlichen Nutzensystemen nicht konform. Darüber darf man sich auch nach den Wahlen von vergangenem Sonntag nicht hinweg täuschen. Lassen sich wirtschaftliche Methoden und Mechanismen noch so hervorragend für die politische Bearbeitung des Wählermarktes adaptieren, so heiligt dieser Zweck längst nicht die Mittel.

In der Wirtschaft können enttäuschte Käufer das Produkt bei falschen Kaufversprechen oder aufgrund von Qualitätsmängeln zurückgeben. In der Politik nicht.

Von Oliver Fiechter

Warum hat gerade Al Gore den Nobelpreis gewonnen? Wegen seines politischen Gewichts? Wegen seiner Popularität? Wohl kaum. Wissenschaftler und Journalisten rund um den Globus zeigten sich in den letzten Tagen erstaunt. Haben denn nicht unzählige renommierte Klimaforscher schon vor Jahren vor der gefährlichen Erwärmung des Klimas gewarnt?

Al Gore hat es ganz einfach verstanden, eine gute Geschichte zu erzählen. Gore hat mit seinen PR-Experten eine Dramaturgie erschaffen, die stark dem Grundschema der griechischen Tragödie ähnelt. Die Griechische Tragödie besitzt eine geschlossene Handlung und einen strengen Aufbau. Kein unwichtiger Teil wird hinzugefügt und kein wichtiger Teil weggelassen. Alles ist klar strukturiert und durchdacht. Das Ziel der Tragödie war es, beim Zuschauer einen Sinneswandel beispielsweise eine Läuterung hervorzurufen: Die Katharsis. Sie sollte eine bewusstseinsbildende und politisch-erziehende Wirkung haben. Auch Al Gore hat sich dieser Mechanismen und dramaturgischer Tricks bedient, um die Menschen besser zu machen und ihnen etwas Nützliches zu sagen.

The Medium is the Message

Auf den Punkt gebracht: Al Gore hat objektive Tatsachen und gefühlte Realitäten perfekt miteinander verbunden. Er hat wesentlich besser visualisiert und kommuniziert, als es all die strengen Wissenschaftler mit ihren abstrakten Formeln bislang taten. In “An Inconvenient Truth” benützt Gore starke visuelle Elemente, um seine Mitteilung verständlich zu machen. Die Grafiken von Duarte Design spielten dabei eine zentrale Rolle. “An Inconvenient Truth” hat Emotionen objektiviert und trockenes Statistikmaterial auf eine unmittelbare Art und Weise, die das Herz berührt, zugänglich gemacht.

Was Menschen angeht, muss auch von Menschen verstanden werden. Das hat Al Gore kapiert. Der Friedensnobelpreis geht definitiv nicht an ihn, weil er uns Menschen selbstlos und aufopfernd vor der drohenden Klimakatastrophe und unserem eigenen Untergang warnt. Das haben rational betrachtet andere vor ihm schon wesentlich kompetenter getan. Al Gore hat den Preis wenn schon, dann nur deshalb verdient erhalten, weil er uns eindrücklich vor Augen geführt hat, dass wir Menschen Gefühlswesen sind, denen mit sachlich fundierten Argumenten nicht immer beizukommen ist.

Von Oliver Fiechter

In fast allen Branchen herrschen Wettbewerbsdruck und Preiskampf, rund um den Globus. Firmen ist es heute kaum noch möglich, sich nur über ein Produkt von ihren Konkurrenten zu unterscheiden – zu stark haben sich in den letzten Jahrzehnten die technischen Produktionskompetenzen nivelliert.

Im offenen Schlagabtausch um den tiefsten Preis bekämpfen sich immer häufiger auch Schweizer Firmen bis aufs Blut, während Hersteller in Ländern mit tief(er)en Löhnen stark wachsen. Die Konsequenzen für unsere Zukunft sind katastrophal, die Aussichten düster. Deutschland führt uns das eindrücklich vor. Mit ihrer Geiz-ist-geil-Mentalität haben die Deutschen die Schnäppchenjagd zum Volkssport geadelt und zogen dem Mittelstand den Teppich unter den Füssen weg. Der Wohlstand der Nation ist nun akut in Gefahr. Deutsche mit Ambitionen suchen ihr Karriereglück immer häufiger im Ausland, etwa in der Schweiz, und entziehen dem Wirtschaftsstandort Deutschland seine wichtigste Ressource, ihr Know-how.

Die Schweiz am Scheideweg

Auch die Schweiz steht an diesem Punkt. Wir sind längst eine nachindustrielle Gesellschaft. In den letzten Jahren fand ein entscheidender ökonomischer Paradigmenwechsel statt: Der wichtigste Produktionsfaktor sind nicht mehr Boden, Kapital oder Arbeitskraft, sondern die Kreativität der Menschen, ihr Wissen und ihre soziale Kompetenzen. Das wirkliche Kapital einer Firma ist längst nicht mehr gegenständlich, nicht mehr greifbar. Firmen, die im Wettbewerb bestehen wollen, müssen erkennen, wie wichtig immaterielle und subjektive Werte sind.

Die Wirtschaft kann diese Entwicklung nur schemenhaft erkennen und berücksichtigt sie darum nicht in ihren Entscheidungsprozessen. Dafür sind die Instrumente der klassischen Wirtschaftstheorie zu einfach, sie können diese neuen Werte nicht beurteilen und abbilden. Doch mit unvollständigen Analyseinstrumenten (und entsprechend unvollständigen Analysen) kann niemand nachhaltig arbeiten. Eine nachhaltige Wirtschaft bedingt, dass die Entscheidungsträger alle Informationen über das Potenzial ihrer Mitarbeitenden besitzen, kennen und nutzen.

Sich mit den unfassbaren Werten zu befassen, ist deshalb eine Aufgabe von volkswirtschaftlicher Relevanz.