Gertrud Höhler, Professorin für Allgemeine Literaturwissenschaft und Germanistikan an der Universität Paderborn, hat kürzlich ein anregendes Essay zum Thema Kreativität publiziert. Sie schreibt: “Kreative Menschen verfügen über Wissen und Erfahrung in besonders effizienter Weise: Sie wählen elastisch zwischen wichtigen und unwichtigen Erfahrungsbeständen aus. Sie verfügen so über Erfahrungen, die zur eben erlebten Situation am besten passen.

‘Fluency’ wie die amerikanische Forschung die besondere Elastizität des kreativen Ideenflusses nennt, fluency kennzeichnet auch das Denken solcher Menschen. Ihre Art der Ideenkombination ist für die Umwelt unerwartet, normfern, originell. Entlegenes wird vom kreativen Kopf gruppiert mit dem Erfolg, daß neue Einsichten entstehen, neue Wege sich öffnen. Zielstrebiger als andere ordnet er die Bestandteile seines Wissens. Der Kreative und seine Erfolge sind von der Umwelt, in der sie gefördert oder bedrängt werden, nicht zu trennen.

Niemand reagiert so sensibel auf die Umwelt und ihre Bedingungen wie der schöpferische Mensch. Es scheint, als habe er ein besonderes Gespür für Lücken in unserem Wissen, für Mängel in Organisation und Sinngehalt des Lebens, für Fehler, Dissonanzen und Ungereimtheiten, wo niemand außer ihm sie bemerkt. Sein Ideenfluß entspringt an solchen Elementen der Störung, der Unvollkommenheit; er prüft Hypothesen, vergleicht Entwürfe zur Lösung der Schwierigkeit, experimentiert spielerisch und unabhängig von jedem Kommentar. Er probiert, vergleicht und ordnet neu mit einer Beharrlichkeit, die nicht nachläßt, bis er am Ziel ist.”

Man wünscht sich, Unternehmen könnten auch dergestalt kreativ sein. Die Welt wäre eine bessere. Unternehmen würden nicht länger sich dumpf und starrsinnig nur an Umsatz und Ausstoss orientieren, sondern sich ihrer universellen Verantwortung stellen, elementarer Bestandteil eines sensiblen Gesamtsystems zu sein. Kreative Unternehmen pflegten zudem eine sehr differenzierte Wertebetrachtung und würden in einem dynamischen Wechselspiel mit ihrer Umwelt nachaltige Werte schaffen.

Von diesem Ideal sind wir heute aber noch weit entfernt. Das Problem liegt hierbei in den theoretischen Grundlagen, an den sich die Unternehmen orientieren. Die klassische Wirtschaftstheorie ist ein Kreativitätsblocker, da sie nichts gelten lässt, was weiche Werte sind, Werte wie Erfahrung, Erkenntnis und Einsicht: Sinn-Werte, die sich nicht in Zahlen bilanzieren lassen.

Fragten wir also einen Ökonomen, was Wertschöpfung sei, so würde er uns folgendes Bild aufskizzieren:

Lineare Wertschöpfung

Gemäss dem klassischen Verständnis der Wirtschaftstheorie nämlich ist Wertschöpfung ein linearer, mechanistisch ablaufender One Way Prozess. Die klassische Wirtschaftstheorie geht von den “Produktionsfaktoren” aus. Diese werden mittels betrieblicher Abläufe zu Produkten oder Dienstleistungen “verarbeitet”. Der Abverkauf dieser Produkte - genauer: Das für die Transaktion erhaltene Geld - geht dann letztlich als eigentliche Wertschöpfung in die Bücher ein.

Die klassische Wirtschaftstheorie ignoriert bis heute, dass die Value Chain von wissensbasierten Unternehmen bereits vor dem eigentlichen Produktionsprozess beginnt, nämlich im kreativen Momentum der Problemsuche, der Ideenfindung und Lösungsgestaltung - in einer Art Discovery Phase. Demnach ist das traditionelle Accountingmodell der Tatsache gegenüber blind, dass während eines materiellen Herstellungsprozesses Menschen mitarbeiten und mitdenken und dass Menschen, die arbeiten, “wertvolle” Erfahrungen machen, die wiederum für das Unternehmen “werthaltig” sind und damit ein für die Zukunft hohes Innovations- und Wertschöpfungspotenzial besitzen.

Würden wir einen guten Unternehmer fragen, was der Vorteil älterer Mitarbeiter sei, so würde er uns mit Gewissheit antworten: „Ältere Mitarbeiter besitzen wichtige Werte: Arbeitserfahrung, betriebsspezifisches Wissen, Urteilsfähigkeit und Qualitätsbewusstsein.” Aber weil dieser gute Unternehmer die Restriktion besitzt, diese Werte nicht in seiner Erfolgsrechnung ausweisen zu können, wird er diese auch nicht in seinem Unternehmen kultivieren können.

Doppelte Wertschöpfung

Das ISG Institut will gemeinsam mit Partnern den starren Wertschöpfungs-Fokus von heute aufbrechen und erweitern, in dem wir die im materiellen Wertschöpfungsprozess generierten immateriellen Werte darstellen. So legen wir nicht nur die Basis für kreative Unternehmensprozesse, sondern bieten mittels dieses Blue Print von Unternehmen den zentralen Faktor in der Beurteilung von Unternehmenschancen und -risiken und damit auch den wichtigsten Indikator in der Nachaltigkeitsbeurteilung von Firmen.