Von Dr. Andreas Giger

Die Materie auf diesem Bild in Form von Asphalt und Cola-Dose versinkt nur deshalb nicht in stumpfer Langeweile, weil sie von Lichtstrahlen erleuchtet wird. Licht kann man bekanntlich sowohl als Teilchen wie als Welle interpretieren, das heißt, Licht hat auch eine immaterielle Seite.

Der zerknüllte Zustand der Dose verweist darauf, dass sie selbst als reine Materie ihren Zweck nicht mehr erfüllt, nachdem ihr Inhalt weg ist. Dieser Inhalt wiederum besteht zwar im Wesentlichen aus Wasser und damit Materie, doch der entscheidende Punkt ist der Geschmack, und der wiederum wird zu einem Gutteil im Gehirn erzeugt, ist also ein geistiges Produkt.

Mich regt das Bild dazu an, über das Verhältnis zwischen materieller und immaterieller Welt nachzudenken. Und das ist mehr als eine abstrakte philosophische Spinnerei. Davon, wie wir das mit Geld und Geist regeln, hängt unsere LebensGestaltung entscheidend ab.

Ein Gemälde besteht zunächst aus Materie: Leinwand, Farben, eventuell ein Rahmen. Der Preis, den diese Materie wert ist, steht allerdings in keinem Verhältnis zu den Millionen, die für manches Bild bezahlt werden. Tendenz steigend. Der Kunstmarkt boomt und brummt wie nie.

Nun bräuchte uns das nicht weiter zu interessieren, weil weder Sie (vermutlich) noch ich (sicher) jemals in die Verlegenheit geraten werden, uns zu überlegen, ob wir ein paar Millionen in ein Gemälde investieren wollen, gäbe es da nicht am Beispiel des Kunstmarkts viel zu lernen über das Verhältnis zwischen materiellen und immateriellen Werten, zwischen Geld und Geist also.

Zunächst fällt bei der Betrachtung des aktuellen Kunstmarkts natürlich die enorme Menge an Geld auf, die da ausgegeben werden kann. Woher kommt dieser ganze Mammon? Natürlich gäbe es darauf verschiedene Antworten, doch im Grunde genügt eine: der Tanz um das goldene Kalb. Keine Bange, ich will Ihnen hier nicht mit fundamentaltheologischen Argumenten kommen. Ich finde nur einfach dieses Bild vom Tanz um das goldene Kalb ein schönes Symbol für eine nicht zu übersehende Tatsache: Hinter uns liegen Jahre und Jahrzehnte, in denen materielle Werte an der Spitze der Werte-Pyramide standen.

Ein anderes Symbol dafür ist das Namenslogo einer Modekette namens „more and more“, die es auf den Punkt bringt: Mehr und immer mehr – eine Lebensphilosophie. Haben Sie je eine passendere Beschreibung der Mentalität jener raffgierigen Abzocker gehört, die derzeit so viel moralische Entrüstung wecken? Wobei, machen wir uns nichts vor, sich Raffgier keineswegs auf die Chefetagen beschränkt, sondern auch beim kleinen Mann anzutreffen ist, wenn er zum Beispiel gerade seine Versicherung betrügt. Die überrissenen Managergehälter bilden nur einfach die sichtbare Spitze jenes Eisbergs, den eine insgesamt sehr materialistische Wert-Orientierung bildet.

Doch genau bei dieser Spitze zeigt sich nun, dass die einseitige Orientierung an materiellen Werten allmählich an ihre Grenzen stößt. Mehr und immer mehr Reiche und Superreiche merken, dass es ihnen nicht mehr genügt, immer mehr materielle Werte anzuäufnen und diese wieder gegen andere materielle Werte wie Villen und Yachten einzutauschen. Stattdessen erwerben sie dafür lieber immaterielle Werte, indem sie Kunst kaufen – und damit Werte wie Kreativität und Schönheit. Oder sie kaufen gleich einen der höchsten immateriellen Werte, nämlich Sinn, indem sie Projekte für eine bessere Welt finanziell unterstützen. Auch das liegt im Trend.

Stehen wir also am Beginn eines postmaterialistischen Zeitalters? Gemach. Eben dieses wurde schon einmal ausgerufen – vor rund dreißig Jahren. Was folgte, waren Jahrzehnte einer ausgesprochen materialistischen Grundhaltung, für die letztlich nur Zahlen zählen. Doch diesmal stehen die Chancen tatsächlich besser – jedenfalls bei jenem Teil der Bevölkerung, der es sich leisten kann. (Dass auch die Zahl jener wächst, die es sich nicht leisten können, ist natürlich nicht zu übersehen.)

Wenn wir wissen wollen, wohin sich unsere Gesellschaft entwickelt, gibt es zwei Orte, die einer näheren Betrachtung wert sind: oben und vorne. Oben, so haben wir gesehen, gibt es tatsächlich eine starke Akzentverschiebung weg von den rein materiellen und hin zu den immateriellen Werten. Und dasselbe gilt auch für vorne.

Von meinem Orakel, das eigentlich ein Netz aus zukunfts-sensiblen Menschen ist, habe ich Ihnen schon erzählt. Natürlich ist diese „Bewusstseins-Elite“, wie ich sie genannt habe, keine wundersame Kristallkugel, die genau vorher sagen kann, wohin der Werte-Wandel geht. Aber ein sensibles Instrument dafür, was in den Köpfen jener bewussten Minderheit vorgeht, die sich an der Spitze des Werte-Wandels bewegt, ist es allemal.

Anders gesagt: Jene Menschen, die regelmäßig meine Fragen zur Zukunft und speziell zum Werte-Wandel beantworten, sind der Beweis dafür, dass meine Beobachtungen und Deutungen dieser Entwicklungen nicht einfach das Werk eines abgehobenen und isolierten Geistes sind, sondern da draußen in der Welt Resonanz finden. Warum also nicht auch bei Ihnen?

Dies nur nebenbei. Entscheidender ist, dass mir mein Orakel zugeflüstert hat, dass es tatsächlich einen starken Trend gibt: weg von den materiellen und hin zu den immateriellen Werten – also einen Trend von Geld zu Geist. Mehr noch: Das ist der eigentliche Schlüssel-Trend des Werte-Wandels.

Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Dieser Trend bedeutet nicht etwa, dass sich unsere Gesellschaft unaufhaltsam auf dem Weg zu höchster Intellektualität befindet. Geist ist eben wesentlich mehr als jene Intelligenz, die ein IQ-Test messen kann. Geist umfasst auch soziale, ästhetische, emotionale und spirituelle Dimensionen. Ihnen allen winkt eine verstärkte Aufmerksamkeit und Zuwendung.

Wohlverstanden: Von einem Trend ist hier die Rede, nicht von einem radikalen Umbruch über Nacht. Solche Trends entwickeln sich allmählich, erfassen zu Beginn nur einzelne Individuen, sind deshalb zunächst kaum sichtbar, nähern sich dann aber immer stärker jener Marke der „kritischen Masse“ an, ab der sie dann breiter wirksam und sichtbar werden. Es gibt reichlich Anzeichen dafür, dass wir uns derzeit in eben dieser Phase vor Erreichen dieser Wegmarke befinden. Nach einer Prognose dazu, wann dieser Punkt erreicht sein wird, werden Sie mich allerdings vergeblich fragen. Was sich entwickelt, kann man einigermaßen vorhersehen, doch einen Zeitplan dafür zu entwickeln, ist äußerst schwierig, wenn nicht gar unmöglich.

Jedenfalls haben wir noch Zeit genug, uns unsere Gedanken über den Trend von den materiellen zu den immateriellen Werten, von Geld zu Geist also, zu machen. Dabei stoßen wir mit Sicherheit auf einen zusätzlichen Aspekt. Dieser Schlüssel-Trend des Werte-Wandels bedeutet nämlich auch einen Trend von Quantität zu Qualität.

Alle materiellen Werte lassen sich in Geld ausdrücken und damit zählen und messen. Dieses Reich der Quantität verlassen wir, wenn wir zu den immateriellen, sprich geistigen Werten wechseln. Hier zählt nur noch die Qualität, und Qualität lässt sich bekanntlich nicht exakt definieren und damit auch nicht messen. Eine Yacht lässt sich in Längenmetern und Bruttoregistertonnen quantifizieren, die Qualität eines Kunstwerks dagegen ist nicht messbar.

Qualität ist deswegen für unseren Geist keineswegs unzugänglich. Wir können ein Gespür für Qualität entwickeln und uns mit anderen darüber austauschen. Und doch bleibt dieses Gespür für Qualität immer persönlicher, subjektiver als die Welt der Quantitäten. Womit der Trend von Quantität zu Qualität hervorragend zum Megatrend Individualisierung passt.

Erklärungsmodelle, die früher (vielleicht) einmal richtig waren, sind heute nicht zwangsläufig immer noch gültig. Die Übernahme überholter Modelle kann durchaus zu massiven Fehlentscheiden führen. Nachfolgend das Beispiel der Phillips Kurve, die eine eindeutige Verbindung zwischen der Inflation und der Arbeitslosigkeit aufzeigt. Die Phillips Kurve ist aus heutiger Sicht klar falsch und ihre Anwendung führt ganze Volkswirtschaften in die Irre.

Aber sehen Sie selbst: Links die Kurve aus dem Lehrbuch und rechts die reale Kurve der letzten zehn Jahre in den USA. Während die Kurve links eine eindeutige Korrelation zwischen Arbeitslosigkeit und Inflation zeigt, ist dieser Zusammenhang in der Realität gar nicht gegeben. Bei 5% Arbeitslosigkeit beispielsweise kann die Inflation Werte zwischen 2.2% und 4.7% annehmen. Bei 6% Arbeitslosigkeit liegt die Inflation zwischen rund 1% und 3%.

Phillips Fehler

Wir raten Ihnen, überdenken Sie die Modelle, die Sie in Ihrer Firma verwenden und auf denen Ihre Mitarbeitenden ihre Entscheide begründen. Sie können davon ausgehen, dass 80% dieser Modelle suboptimal und 50% davon ganz einfach falsch sind. Wer die Phillips Kurve selber überprüfen möchte, findet hier die Originaldaten.

Zum Schluss noch eine Empfehlung an die Lehrkräfte: Streichen Sie die alte Phillips Kurve aus dem Lehrstoff. Sie machen sich mitschuldig an Fehlentwicklungen, wenn Sie wider besseren Wissens Ihre Schüler mit falschen Lehren “programmieren”. Die Zeit wird kommen, bis findige Juristen die “Produkthaftpflicht” inklusive Qualitätssicherung auf das Produkt Wirtschaftslehre und deren Vermittler anwenden werden.

Gertrud Höhler, Professorin für Allgemeine Literaturwissenschaft und Germanistikan an der Universität Paderborn, hat kürzlich ein anregendes Essay zum Thema Kreativität publiziert. Sie schreibt: “Kreative Menschen verfügen über Wissen und Erfahrung in besonders effizienter Weise: Sie wählen elastisch zwischen wichtigen und unwichtigen Erfahrungsbeständen aus. Sie verfügen so über Erfahrungen, die zur eben erlebten Situation am besten passen.

‘Fluency’ wie die amerikanische Forschung die besondere Elastizität des kreativen Ideenflusses nennt, fluency kennzeichnet auch das Denken solcher Menschen. Ihre Art der Ideenkombination ist für die Umwelt unerwartet, normfern, originell. Entlegenes wird vom kreativen Kopf gruppiert mit dem Erfolg, daß neue Einsichten entstehen, neue Wege sich öffnen. Zielstrebiger als andere ordnet er die Bestandteile seines Wissens. Der Kreative und seine Erfolge sind von der Umwelt, in der sie gefördert oder bedrängt werden, nicht zu trennen.

Niemand reagiert so sensibel auf die Umwelt und ihre Bedingungen wie der schöpferische Mensch. Es scheint, als habe er ein besonderes Gespür für Lücken in unserem Wissen, für Mängel in Organisation und Sinngehalt des Lebens, für Fehler, Dissonanzen und Ungereimtheiten, wo niemand außer ihm sie bemerkt. Sein Ideenfluß entspringt an solchen Elementen der Störung, der Unvollkommenheit; er prüft Hypothesen, vergleicht Entwürfe zur Lösung der Schwierigkeit, experimentiert spielerisch und unabhängig von jedem Kommentar. Er probiert, vergleicht und ordnet neu mit einer Beharrlichkeit, die nicht nachläßt, bis er am Ziel ist.”

Man wünscht sich, Unternehmen könnten auch dergestalt kreativ sein. Die Welt wäre eine bessere. Unternehmen würden nicht länger sich dumpf und starrsinnig nur an Umsatz und Ausstoss orientieren, sondern sich ihrer universellen Verantwortung stellen, elementarer Bestandteil eines sensiblen Gesamtsystems zu sein. Kreative Unternehmen pflegten zudem eine sehr differenzierte Wertebetrachtung und würden in einem dynamischen Wechselspiel mit ihrer Umwelt nachaltige Werte schaffen.

Von diesem Ideal sind wir heute aber noch weit entfernt. Das Problem liegt hierbei in den theoretischen Grundlagen, an den sich die Unternehmen orientieren. Die klassische Wirtschaftstheorie ist ein Kreativitätsblocker, da sie nichts gelten lässt, was weiche Werte sind, Werte wie Erfahrung, Erkenntnis und Einsicht: Sinn-Werte, die sich nicht in Zahlen bilanzieren lassen.

Fragten wir also einen Ökonomen, was Wertschöpfung sei, so würde er uns folgendes Bild aufskizzieren:

Lineare Wertschöpfung

Gemäss dem klassischen Verständnis der Wirtschaftstheorie nämlich ist Wertschöpfung ein linearer, mechanistisch ablaufender One Way Prozess. Die klassische Wirtschaftstheorie geht von den “Produktionsfaktoren” aus. Diese werden mittels betrieblicher Abläufe zu Produkten oder Dienstleistungen “verarbeitet”. Der Abverkauf dieser Produkte - genauer: Das für die Transaktion erhaltene Geld - geht dann letztlich als eigentliche Wertschöpfung in die Bücher ein.

Die klassische Wirtschaftstheorie ignoriert bis heute, dass die Value Chain von wissensbasierten Unternehmen bereits vor dem eigentlichen Produktionsprozess beginnt, nämlich im kreativen Momentum der Problemsuche, der Ideenfindung und Lösungsgestaltung - in einer Art Discovery Phase. Demnach ist das traditionelle Accountingmodell der Tatsache gegenüber blind, dass während eines materiellen Herstellungsprozesses Menschen mitarbeiten und mitdenken und dass Menschen, die arbeiten, “wertvolle” Erfahrungen machen, die wiederum für das Unternehmen “werthaltig” sind und damit ein für die Zukunft hohes Innovations- und Wertschöpfungspotenzial besitzen.

Würden wir einen guten Unternehmer fragen, was der Vorteil älterer Mitarbeiter sei, so würde er uns mit Gewissheit antworten: „Ältere Mitarbeiter besitzen wichtige Werte: Arbeitserfahrung, betriebsspezifisches Wissen, Urteilsfähigkeit und Qualitätsbewusstsein.” Aber weil dieser gute Unternehmer die Restriktion besitzt, diese Werte nicht in seiner Erfolgsrechnung ausweisen zu können, wird er diese auch nicht in seinem Unternehmen kultivieren können.

Doppelte Wertschöpfung

Das ISG Institut will gemeinsam mit Partnern den starren Wertschöpfungs-Fokus von heute aufbrechen und erweitern, in dem wir die im materiellen Wertschöpfungsprozess generierten immateriellen Werte darstellen. So legen wir nicht nur die Basis für kreative Unternehmensprozesse, sondern bieten mittels dieses Blue Print von Unternehmen den zentralen Faktor in der Beurteilung von Unternehmenschancen und -risiken und damit auch den wichtigsten Indikator in der Nachaltigkeitsbeurteilung von Firmen.