Von Oliver Fiechter

Individuen verhalten sich weit weniger rational, als es ihnen orthodoxe Ökonomen unterstellen. Auch die globale Banken- und Kreditkrise ist eine Folge geschickter Manipulation unaufgeklärter Anleger: Die Makler rund um den Globus, die wissentlich mit wertlosen Papieren handelten, haben die Irrationalität des Menschen ausgebeutet.

In der Wirtschaft ist nichts absolut. Alles ist subjektiv und emotional geprägt: Eine Produktivkraft erbringt lediglich die Leistung, die sie als angebracht empfindet. Ein Anleger bezahlt den Preis für ein Wertpapier nur dann, wenn er diesen als angemessen bewertet. Die Qualität der Wahrnehmung und die irrationalen Aspekte sind für Märkte die eigentlichen Triebfedern. Die moderne Verhaltensforschung beweist, dass Individuen nicht nur manchmal unlogisch und unkalkuliert handeln, sondern auch, dass sie dies regelmäßig und planmäßig tun.

Tatsächlich ist die Irrationalität keine Neuigkeit für die Berufsökonomen. Diese wissen längst, dass die Märkte kein Feld sind, auf dem rational handelnde Individuen miteinander vernünftige und nachhaltige Geschäfte tätigen, sondern eher eine Art Goldrausch, der den Menschen die Sinne benebelt und den Verstand raubt. Die Wirtschaft instrumentalisiert den Menschen auf seiner Suche nach sozio-emotionalen Prestigewerten. Und die Wirtschaftstheorie unternimmt alles, damit sich die Menschen dessen nicht bewusst werden.

Unmündige Konsumenten steigern Markteffizienz

Aus diesem Grund wird die Relevanz der Irrationalität, der Emotion in der Ökonomie nicht nur runtergespielt, sondern gänzlich missachtet. Deshalb werden ausschliesslich rationale Erklärungsmodelle herangezogen, die dem Menschen vorgaukeln, in der Wirtschaft sei alles sachlich begründet und wirtschaftliches Verhalten rein profitorientiert. Diese Modelle haben die Aufgabe, die Qualität wirtschaftlicher Leistung auf die Quantität des Geldgewinnes zu reduzieren, um so geschickt darüber hinwegzutäuschen, dass es hauptsächlich emotionale Motive sind, welche die wirtschaftliche Wertschöpfung - sowohl unmittelbar als auch nachhaltig - beeinflussen.

Die aktuelle Wirtschaftstheorie will den Menschen weis machen, dass in der Wirtschaft nur zum Zweck der Nutzenmaximierung gehandelt wird und dass dies immer aufgrund vollständiger Kenntnis der Entscheidungsmöglichkeiten geschieht. Die Wirtschaftstheorie blendet die Emotion vollends aus und bildet die Dinge nicht so ab, wie sie sind, sondern so, wie sie vor allem die Finanzindustrie gerne hätte. Die Erkenntnis der grossen Zusammenhänge in der Wirtschaft schadet der Effizienz der Märkte. Die Marktteilnehmer sollen nicht lernen, mündig zwischen Wert und Unwert zu unterscheiden. Die Hypothekarkrise in den USA wird nicht das letzte Beispiel sein, das uns diesen Sachverhalt eindrücklich vor Augen führen wird.