Von Oliver Fiechter
Die UK-Rockband Radiohead geht bei der Vermarktung ihrer Musik neue Wege. Das neue Album “In Rainbow” ist nur als Download auf der Website der Band erhältlich. Das Besondere: Der Fan bestimmt selbst, wie viel ihm der Download der zehn neuen Tracks wert ist. Radiohead wagen damit ein Experiment, zu dem sich die Musikindustrie bisher nicht hat durchringen können: ein alternatives Angebot zur überall im Netz gratis erhältlichen Musik zu machen.
10 Millionen Dollar Reingewinn
Der Mut hat sich bereits bezahlt gemacht. Journalisten und Blogger rund um die Welt wollen recherchiert haben, Radiohead hätten schon in der ersten Woche rund zehn Millionen US-Dollar aus rund einer Million verkaufter Alben eingenommen. Reingewinn selbstverständlich, wurde festgestellt, denn ihre Einnahmen müssten die Musiker mit keinem Plattenlabel teilen. Sogar die Zahlenspalter von Harvard Business Online haben sich dem Thema angenommen und der Band einen Lead-Artikel gewidmet, der die Rentabilität der Schenkaktion analysiert.
Es erstaunt nicht, dass die Aktion von Radiohead nur aus der Perspektive des Geldes heraus beurteilt wird. Unsere Gesellschaft ist es gewohnt, Geld als zentralen Leistungsbewertungsmassstab anzusetzen und die Qualität einer Tätigkeit mit der Höhe des daraus erzielten Geldgewinnes gleichzustellen. Das ökonomische Verständnis von Wirtschaftlichkeit ist sehr eng definiert: Bringt etwas einen Geldgewinn oder nicht, ist dabei stets die Gretchenfrage.
Gegen die Diktatur des Geldes
Grundlegender betrachtet, ist das Projekt von Radiohead aber weit mehr als eine reine Alternativstrategie der Markt- und Kundenbearbeitung mit dem ausschliesslichen Ziel der Gewinnoptimierung. Radiohead haben mit ihrer Guerilla-Operation gegen die Musikindustrie gegen die Diktatur des Geldes interveniert. Sie haben es intuitiv verstanden, dass in der Kunst Wert und Geschmack unmittelbar aneinander gekoppelt sind. In der Kunst zählen objektive Messgrössen nichts, subjektive Wertmasstäbe treten in den Vordergrund.
Radiohead haben begriffen, dass Werte relativ sind und emotional bestimmt werden. Bei Radiohead wird so der simple CD-Kauf zum menschlichen Akt persönlicher Wertschätzung und zur Gewissensfrage, zum Experiment qualitativer Sozialforschung. Radiohead feiert mit seiner Aktion den Sieg des Gehaltes über die Form. Des Wertes über den Preis. Einstein sagte einst: „Sämtliche große Wissenschaftstaten basieren auf der Intuition, nämlich der Axiome, aus denen alsdann induktiv geschlossen wird.“ So bleibt die Hoffnung, dass die Aktion von Radiohead auch die Ökonomen alsdann dazu inspiriert, ihre engumgrenzten Theorien von Wirtschaftlichkeit um den Faktor Mensch zu erweitern.

