Von Oliver Fiechter

Schwarze Schafe und Verschwörungstheorien von rechts, Geheimpläne aus der Mitte, linke Ausschreitungen in Lausanne und Bern. Nie zuvor wurden die Schweizer Wahlen emotionaler geführt als 2007. Sachliche Themenpolitik war gestern. Heute regiert die Polemik.

Im Schweizer Polit-Orchester gibt die SVP den Takt an. Nach der SVP-Pfeife tanzten an diesen Wahlen aber nicht nur die Wähler. Auch die anderen Schweizer Parteien sind der SVP-Einladung zum Dirty Dancing gefolgt. Im Trommelwirbel der Wahlschlacht 2007 hat die gesamte Schweiz ihre politische Jungfräulichkeit verloren.

Zottel überschreitet Röstigraben

Nun sind die Wahlen vorbei. Die Ernüchterung setzt ein und das Land seufzt: Was ist nur passiert? Wie weit ist es mit der Politik und der politischen Kultur in unserem Land nur gekommen? Verdutzte Gesichter allerorts. Nur die SVP reibt sich die Hände und lässt die Korken knallen. Seit Jahrzehnten steigert sie von Wahl zu Wahl ihren Wähleranteil kontinuierlich. Unerschrocken vor Tabubrüchen schreitet sie voran. Auf dem Rücken von Zottel hat sie erstmals gar den Röstigraben überschritten und mit Genf nun auch eine traditionelle SP-Hochburg erobert. Aus der Volkspartei wird immer mehr die Partei des Volkes.

Wie erklärt sich dieser Erfolg? Haben sich die Menschen in unserem Land in den letzten 20 Jahren verändert? Wollen Herr und Frau Schweizer von ihren einstigen Grundwerten wie Dialog, Toleranz und Integration verschiedener Kulturen nichts mehr wissen? Die Antwort lautet: Nein! Die SVP hat die Schweiz einmal mehr auf dem linken Bein erwischt. Contre-coeur wird die Schweiz nach rechts gedrängt.

Nepper, Schlepper, Bauernfänger

Die einstige Bauernpartei mit Bauernschläue entwickelte sich zur strategischsten Polit-Marketing-Macht der Eidgenossenschaft. Als erste Schweizer Partei hat sie einen weltweiten Trend für sich erkannt und finanzstark umgesetzt: Stimmenfangen durch Gehör verschaffen. In perfekter PR-Manier inszeniert sich die SVP seit Jahren medienwirksam. Auch ihre Wahlpropaganda 2007 war wie aus dem Lehrbuch sorgfältigst geplant. Nach allen Regeln des integrierten Kommunikationsmanagements wurden die Botschaften inhaltlich, zeitlich und formal fein aufeinander abgestimmt, um deren Effekte zu erhöhen.

Die SVP besetzt mit ihrem Politstil das Feld der Emotion, nicht der Vernunft. Die politische Durchdringung der SVP fusst auf der geschickten Inszenierung von Trendthemen und dem gezielten Schüren von Emotion. Die SVP dechiffriert gekonnt politisch-abstrakten Bedeutungsgehalt auf ein volkstümliches Niveau. Sie reduziert komplexe Sachverhalte und bricht diese auf eine publikumswirksame Stufe runter. Das schafft Vertrauen und damit Nähe zum Souverän.

“Sei vertraut, unterscheide dich”

Die SVP ist in wenigen Jahren zu einer der stärksten Schweizer Marken geworden. Zum Ricola der Politik. Mit Blocher, Mörgeli, Maurer & Co. beschäftigt die Schweizer SVP einige der kompetentesten Brand-Manager unseres Landes. Diese Herren wissen genau, dass eine Marke ein klare Positionierung braucht und in einfachen entweder-oder-Kategorien geführt werden muss, will sie vom Konsumenten resp. Wähler intuitiv verstanden werden. Die SVP-Manager wissen auch, dass in politischen Märkten, die von Verdrängungswettbewerb gekennzeichnet sind, eine stark differenzierte, emotional aufgeladene Marke der Erfolgsgarant für die Zukunft ist.

Nur ist die Politik nicht die Wirtschaft. Der Bürger ist kein Konsument. Parteien vertreten die mannigfachen Interessen eines ganzen Landes und nicht die eigenen. Politische Zielsysteme gehen mit wirtschaftlichen Nutzensystemen nicht konform. Darüber darf man sich auch nach den Wahlen von vergangenem Sonntag nicht hinweg täuschen. Lassen sich wirtschaftliche Methoden und Mechanismen noch so hervorragend für die politische Bearbeitung des Wählermarktes adaptieren, so heiligt dieser Zweck längst nicht die Mittel.

In der Wirtschaft können enttäuschte Käufer das Produkt bei falschen Kaufversprechen oder aufgrund von Qualitätsmängeln zurückgeben. In der Politik nicht.