Von Oliver Fiechter
Warum hat gerade Al Gore den Nobelpreis gewonnen? Wegen seines politischen Gewichts? Wegen seiner Popularität? Wohl kaum. Wissenschaftler und Journalisten rund um den Globus zeigten sich in den letzten Tagen erstaunt. Haben denn nicht unzählige renommierte Klimaforscher schon vor Jahren vor der gefährlichen Erwärmung des Klimas gewarnt?
Al Gore hat es ganz einfach verstanden, eine gute Geschichte zu erzählen. Gore hat mit seinen PR-Experten eine Dramaturgie erschaffen, die stark dem Grundschema der griechischen Tragödie ähnelt. Die Griechische Tragödie besitzt eine geschlossene Handlung und einen strengen Aufbau. Kein unwichtiger Teil wird hinzugefügt und kein wichtiger Teil weggelassen. Alles ist klar strukturiert und durchdacht. Das Ziel der Tragödie war es, beim Zuschauer einen Sinneswandel beispielsweise eine Läuterung hervorzurufen: Die Katharsis. Sie sollte eine bewusstseinsbildende und politisch-erziehende Wirkung haben. Auch Al Gore hat sich dieser Mechanismen und dramaturgischer Tricks bedient, um die Menschen besser zu machen und ihnen etwas Nützliches zu sagen.
The Medium is the Message
Auf den Punkt gebracht: Al Gore hat objektive Tatsachen und gefühlte Realitäten perfekt miteinander verbunden. Er hat wesentlich besser visualisiert und kommuniziert, als es all die strengen Wissenschaftler mit ihren abstrakten Formeln bislang taten. In “An Inconvenient Truth” benützt Gore starke visuelle Elemente, um seine Mitteilung verständlich zu machen. Die Grafiken von Duarte Design spielten dabei eine zentrale Rolle. “An Inconvenient Truth” hat Emotionen objektiviert und trockenes Statistikmaterial auf eine unmittelbare Art und Weise, die das Herz berührt, zugänglich gemacht.
Was Menschen angeht, muss auch von Menschen verstanden werden. Das hat Al Gore kapiert. Der Friedensnobelpreis geht definitiv nicht an ihn, weil er uns Menschen selbstlos und aufopfernd vor der drohenden Klimakatastrophe und unserem eigenen Untergang warnt. Das haben rational betrachtet andere vor ihm schon wesentlich kompetenter getan. Al Gore hat den Preis wenn schon, dann nur deshalb verdient erhalten, weil er uns eindrücklich vor Augen geführt hat, dass wir Menschen Gefühlswesen sind, denen mit sachlich fundierten Argumenten nicht immer beizukommen ist.


