
Von Oliver Fiechter
Primitivste Stufe im Marketing ist der so genannte Verkäufermarkt. Verkäufermärkte sind dadurch gekennzeichnet, dass auf ihnen das Angebot kleiner ist als die Nachfrage: Es bestehen keine Vermarktungsprobleme. Dieser Markttypus war bis Mitte der 60er Jahre bei uns prägend. Dann setzte eine Veränderung ein: Die Verkäufermärkte verwandelten sich in Käufermärkte. Diese sind dadurch charakterisiert, dass auf ihnen das Angebot grösser ist als die Nachfrage. Hier entscheiden also die Nachfrager darüber, was sie bei welchem Anbieter kaufen. Aufgrund des Überangebotes haben sie die Möglichkeit, das aus ihrer Sicht beste Angebot auszuwählen. Anbieter müssen sich unter solchen Bedingungen bemühen, den Anforderungen, Bedürfnissen, Wünschen und Erwartungen der Nachfrager/Kunden optimal zu entsprechen.Die Werbebranche ist vor diesem Hintergrund ein schon fast groteskes Relikt. Der generelle Wandel zu den Käufermärkten zwang die Unternehmen insgesamt zu einer konsequenten Markt- und Kundenorientierung. Nur mit einer solchen Führungsphilosophie können sich Firmen nachhaltig behaupten bzw. dauerhaft überleben. Die Mehrzahl der Werbeagenturen hingegen, scheinen diesen Wandel verschlafen zu haben. Obwohl die Branche seit Jahren in der Krise steckt und unter den Beraterfirmen ein starker Verdrängungs- und Konkurrenzkampf besteht, haben sie noch immer nicht gelernt, auf ihre Kunden einzugehen und deren Bedürfnisse zu erkennen.
Verführen kommt vor Beraten
So erstaunt es nicht, dass die meisten Unternehmen wiederum nicht entsprechend den Bedürfnissen ihrer Zielgruppen kommunizieren, sondern so, wie es ihnen seitens der Agenturen empfohlen wird. Fakt ist: Der beste Kommunikationsverkäufer und -verführer gewinnt den Etat – nicht der beste Kommunikationsberater. Kommunikation ist durch und durch ein people’s business. Networking, Lobbying und Überredungstalent gehören zu den wichtigsten Selektionskriterien der Branche. Sie entscheiden letztlich, welche Agentur Erfolg hat und welche nicht. Der Leidtragende ist der Kunde. Er investiert viel Geld, ohne genau zu wissen, was damit geschieht und wie er davon profitiert. Leidtragende sind aber auch die Zielgruppen, die täglich mit Informationsmüll in Form von Werbeflyer und Gratiszeitungen zugeschüttet werden – bis zur kompletten Negation resp. Annahmeverweigerung. So werden teuer generierte Kundenkontakte sinnlos, weil sich auf dieser Akzeptanzbasis weder eine Kundenbeziehung initiieren, noch eine Kundenbeziehung vertiefen lässt.
Blenden statt erhellen
Werbeagenturen waren nie gezwungen, innovativ zu sein. Es ging der Branche zu lange viel zu gut. Sie wurde träge, selbstgefällig und kokett. Und sie musste, um Mandate zu akquirieren, nie auf die wahren, qualitativen Bedürfnisse ihrer Kunden eingehen. Grosszügig offerierte Kundenessen übertünchten lange Zeit eine mangelnde Analyse- und Strategiekompetenz. Und auch Kreativität und Innovationskraft wurden gemeinhin verwechselt. Mit fatalen Folgen: Eine Agentur galt als gutes Werbeberatungs-Unternehmen, wenn sie möglichst viele Branchenpreise im Schaukasten stehen hatte. Kundennutzen in einem umfassenden Sinn zu schaffen, ist Kommunikationsagenturen deshalb seit jeher fremd. Es ist bezeichnend, dass viele Agenturen eine Insider-Sprache pflegen. Ein betriebswirtschaftlich ausgebildeter CEO ohne kommunikationsspezifische Erfahrung kann dem Werber-Fachchinesisch schlecht folgen: Agenda setting? transforming branding? Die Massnahmen- und Aktivitäten-Pläne, die sie von ihren Agenturpartnern erhalten, sind voll von verwirrenden Begrifflichkeiten. Wofür welche Massnahme, welches Kommunikationsinstrument eingesetzt wird, welches Trägermedium welche Markt- oder Absatzstufe mit welchen Botschaften und Inhalten zu welchem Zweck versorgt, bleibt den Kunden oft schleierhaft. Dabei wären die Agenturen doch eigentlich die Fachleute für Kommunikation.
Hofnarren blockieren Strategien
Dazu kommt das Problem der fehlenden Gesamtstrategie: Jede einzelne in ein interdisziplinäres Projekt involvierte Kreativagentur arbeitet nach einem eigenen strategischen Ansatz. Eine übergreifende, integrierte Strategie jedoch fehlt. Das führt zu Doppel- und Dreifachspurigkeiten, zu Verwirrung und Selbstsabotage. Kurz: zu Effizienz-Einbussen. Während ein Sachbearbeiter in der Einkaufsabteilung eines Unternehmens für eine neue Schreibtischunterlage einen Investitionsantrag ausfüllen und diesen beim Vorgesetzten unterzeichnen lassen muss, verpuffen Werbeabteilungen mit ihren Partnern gut und gerne Millionen von Franken in Kampagnen, deren Nutzen niemand quantifizieren und in Korrelation zum Unternehmenserfolg setzen kann. Vor diesem Hintergrund erstaunt es nicht, dass die Kommunikationsverantwortlichen vieler Unternehmen eher Hofnarren-Status haben – anstatt als respektierte Management-Spezialisten in der Unternehmensleitung zu sitzen und hier die Belange der Kommunikation zu repräsentieren. In den letzten Jahren hat sich hier allerdings viel geändert. Der Legitimationsdruck für den Kommunikationsfranken auf Kundenseite wächst. Werber und PR-Leute sind längst nicht mehr als Künstler legitimiert, die l‘art pour l‘art betreiben dürfen und sich mit fremden Geldern eigene Denkmäler schaffen. Wirkungskontrolle wird auf Kundenseite plötzlich auch für die Umsetzung von Kommunikationskonzepten gefordert. Durchaus zurecht: Vergegenwärtigen Sie sich einmal folgendes: Jeder Privatmann, der seinem Anlageberater auch nur CHF 10′000 anvertraut, will wissen, was sein return on investement ist. Und jeder Anlageberater, der seriös und professionell geschäftet, zeichnet seinem Kunden eine klar strukturierte, risikodiversifizierte Anlagestrategie auf. Diese Anlagestrategie beruht auf harten Fakten, auf mathematisch und statistisch errechneten Werten. In der Werbeindustrie ist das nicht so. Hier investieren Unternehmen noch heute Millionen von Franken in einzelne Kommunikationskanäle. Einfach so. Ohne Allokationsstrategie, die auf Fakten und Tatsachen basiert.
Selbstinszenierung ohne Kundennutzen
Warum machen sie das? Der Grund ist so einfach wie bedenklich. Die Werber und Kommunikationsfachleute sind vor allem in einem Spezialisten: im Verkaufen von sich selber. Kaum eine andere Branche hat es je geschafft, sich derart selber zu feiern und zu glorifizieren wie die Kommunikationsbranche. Der Glanz, der Mythos, der Glamour, der ganze Zauber sollen nur eines: dem Kunden bedeuten, Werbung zu betreiben sei sexy – unabhängig davon, ob sich eine Wirkung quantifizieren lässt.
Fakt ist, bis heute hat die Marketingtheorie keinen wissenschaftlich verwertbaren Ansatz entwickelt, um die sogenannt weichen Faktoren, welche die Kommunikation schafft, zu operationalisieren. Selbst eine engagierte, um Kundenorientierung bemühte und budgetbewusste Agentur hatte also nur einen beschränkten Spielraum, was zu entsprechender Frustration führte. Erschwerend kommt dazu, dass Anstösse für die Budgetvergabe primär aus der Unternehmensleitung kommen, die Umsetzung in Marketing- und Kommunikationsmassnahmen jedoch als Kreativleistung der Agenturen gilt. Ein direkter Link zwischen messbaren Zielen und der zur Umsetzung freigegebenen Massnahmen ist somit nicht möglich. Ein wichtiges Werkzeug zur Bewertung der Strategieeffizienz war allerdings schon immer zur Hand: die Instrumente der Marktforschung. So kommt es, dass heute immer mehr Agenturen für ihre Kunden in die Trickkiste der Marktforschung greifen und bei Instituten Image-, Markenbekanntheitsgrad und Kundenzufriedenheitsanalysen in Auftrag geben. Auf der Basis von reaktiven Erhebungen werden Zielgruppen und Konsumenten in repräsentativen Grundgesamtheiten abgefragt. Doch was geschieht mit dem Dateninput? Das tabellarische Zahlenmaterial stapelt sich in Ordnern beim Agenturberater. Oder beim Kunden selber. Wer jedoch die Interpretationshoheit über den generierten Dateninput besitzt und diesen verwerten darf, wird im Vorfeld nur selten klar geregelt. Zudem ist Marktforschung teuer. Nur ganz wenige Firmen können sich regelmässige Erhebungen leisten: Eine saubere strategische und taktische Planung und reales Controlling auf der Grundlage empirisch erhobener Daten finden somit praktisch nie statt.
Hoffnung statt Methodik
Kommunikationsstrategien gehören also zum Hoheitsgebiet der «Kreativen», nicht der Strategen. Dies erstaunt umso mehr, als dass Kommunikation heute, in Zeiten übersättigter Märkte, austauschbarer Produkte und unberechenbarer Kunden für jede Unternehmen etwas Überlebenswichtiges, ein strategisches Asset ist. Viele Unternehmen sehen sich zunehmend gezwungen, ihre Massnahmen zu intensivieren, um sich ein Wahrmehmungsfenster zu erkämpfen.Unternehmen sind das, was ihre Kunden und Mitarbeiter von ihnen denken. Die Bilder, die diese sich machen, die Vorlieben und Abneigungen, die sie entwickeln und die Art und Weise, wie sie Stärken und Schwächen beurteilen, sind die Grundlagen des Geschäfts. Dennoch läuft bei der Planung der Kommunikation, der Durchführung und dem Controlling aber einiges schief. Niemand weiss, ob das Geld im Bereich Kommunikation richtig eingesetzt wird. Agenturen werden aufgrund von guten Gefühlen verabschiedet, stehen und fallen weitgehend mit der Überzeugungskraft derjenigen, die sie vertreten. Kampagnen werden bedenkenlos gewechselt, zentrale Inhalte in unterschiedlichsten Märkten und Geschäften über einen Leist geschlagen, wichtige Identitätselemente von Marken vernachlässigt. Hier werden Ressourcen verschwendet, Chancen verpasst, Investitionen in Produkt und Innovation zerstört.